Klassenfahrt der 2D mit
Manuela Grasdorf
Aufgezeichnet von einem Augenzeugen
Und in Treu und Glauben verfasst und zu Papier gebracht.
Anno domini 2003.
Anmerkung des Chronisten:
Namen werden keine genannt. Sie lassen sich aber erraten.
ERSTER TAG:
Savosa – Konstanz – Mainau
- Im Bus
verliert sich die Klasse auf den hinteren Sitzen, jeder hat zwei Sitze und
mehr, während sich im Gepäckraum die Räder stapeln und kaum noch atmen
können.
- Schon kurz
nach Bellinzona beginnt der erste Videofilm. Kaum ist er zu Ende, hat man
ihn wieder vergessen. Und das ist gut so, man hätte ihn sonst – so kurz
vor dem Mittag – nicht wirklich verdaut.
- In Sankt
Margrethen wiederholt sich das ewige Drama der Menschheitsgeschichte: Die
Mädels bezahlen für das stille Örtchen, die Jungs lassen den Dingen
unbezahlt ihren Lauf.
- Im Zentrum
von Konstanz– ma dove è il centro ? – suchen A+B verzweifelt das Zentrum.
- C+D+E gehen zum Italiener
und kaufen ein Eis, um das aufkommende Heimweh zu kompensieren. Der
Vorteil ist, stellen sie fest: das Eis schmilzt zu dieser jahreszeit nicht
an der Sonne, im Gegenteil, es gefriert in der Luft
- Kaum
angekommen in der Jugendherberge erfährt man, was man alles nicht darf.
Dummerweise kann man nicht so tun, als verstehe man nichts; der Chef
spricht Italienisch.
- Man ist noch
keine halbe Stunde in der Jugendherberge, schon werden die Jungs über
Lautsprecher zur Rezeption gerufen. Sicherheitshalber – man weiss ja nie –
stellen sie sich tot und lassen sich nicht blicken.
- F ist der grosse starke
Mann, er montiert Räder und trägt Taschen und Koffern. Als Dank bekommt er
von der Lehrerin ein weiches Kissen für einen gesunden tiefen Schlaf.
- Auf der
Insel Mainau wollen G+H schon um
siebzehn Uhr die Sonne untergehn sehn – über dem Meer, wie sie sagen; sie
meinen den See. Die Sonne aber hört nicht auf sie!
- Auch die
Blumen lassen noch ein wenig auf sich warten. Hibiskus gibt es und
Ostersterne natürlich und ein Treibhaus voll wunder-schöner Orchideen und
ein Treibhaus, in dem Schmetterlinge fliegen. I setzt sich ein Schmetterling aufs Knie und K einer auf den Arm. Sie lassen
nicht mehr los. Sind jetzt auch Schmetterlinge verzauberte Prinzen?
- L+M können nicht widerstehen.
Sie sehen einen Spielplatz und klettern auf die Rutsche und rutschen wie
der Sausewind zurück ins Land der Kindheit.
- Fürst und
Fürstin verstecken sich im Schloss, auch kein Prinz ist zu sehen.
- Man kann
auch auf dem Rad rauchen und telefonieren auch. SMS verschicken geht noch
schlecht. Das muss man noch üben.
- Vorneweg
pedalt einer wie bei den Gianetti-days, auf elegantem Rad fährt ein
Mädchen wie unbeteiligt hinterher, eins hält ihre wilden Locken wie eine
Sturmfahne in den Wind, bei einer sieht man vor lauter Jacke und Schal
kaum noch das Gesicht, während ein anderer auf seinem Rad sitzt mit kurzen
Ärmeln wie ein Baum im Winter, und eine fragt sich schon die ganze Zeit,
ob bei dem Wind auch die Wimperntusche hält.
- Von den
Fahrrädern waren die meisten gross und erwachsen, dann gab es zwei
Jugendliche, und eins war noch ein Kind und blau hinter den Ohren.
- Im
China-Restaurant am Abend werden Berge von Fleisch und Nudeln und Reis
aufgetragen, garniert mit Bambussprossen und andern exotischen Sachen; die
eine oder der andere essen mit Stäbchen, dann dauert es länger und man
wird nicht so dick.
ZWEITER TAG:
Konstanz – Meersburg
–Überlingen – Ludwigshafen – Konstanz
- Am ersten
April hatten wir schönstes Wetter, ohne Scherz. Schuld sind wohl die
Maikäfer. Dafür hatten wir Regen am Mittwoch; da fehlten die Maikäfer zum
Frühstück!
- A trägt einen silbernen
Schmetterling im Haar; sie schützt ihn mit ihrem Helm.
- B friert wie ein Huhn
- C vertraut der Marke Adidas
- D zieht Kappa vor
- E türmt sich die Haare
auf den Kopf und hält sie zusammen mit einer wunderschönen Spange
- F bändigt die Haare mit
einem blauen Tuch
- G lässt sie flattern im
Winde
- H steht da wie vom Winde
verweht
- I trägt einen Hut wie am
Strand
- K hat Ticino auf die Jacke
gestickt, so geht sie nicht verloren
- L hat einen gelben Bidon,
nur weiss keiner, was da drin ist
- M stürzt sich in die Abfahrt
wie ein Rennfahrer
- N trägt schöne wollene
Handschuhe
- O begnügt sich mit
Turnschuhen
- In der Burg
in Meersburg entdeckt Q, dass es
zwei Sorten Kettenhemden gab, das ohne Ärmel war für den Sommer, sagt er.
- Im Verliess
starben Leute, stand geschrieben, nicht weit davon hatte Anette ihr Zimmer
und schrieb unsterbliche Gedichte, allerdings nicht zur gleichen Zeit.
- Die
schlanke, ranke Lehrerin hat überraschenderweise immer mal wieder Hunger.
- Gegessen
wird am See. Es gibt Fisch, wenn auch nur in der Luft, und frisch war er
nicht. Dazu Philadelphia und Aufschnitt und Brot und Karotten und Peperoni
und Eistee und Salatblätter. Gesessen wird im Schneidersitz, rundherum im
Kreis. Von weitem sieht es aus wie ein Hexenring aus Pilzen. Vielleicht
wachsen dort Pilze im nächsten Jahr.
- Dann geht es
weiter nach Überlingen und Ludwigshafen. Die Glieder werden schwerer, die
Schultern steifer, die Backen röter, der Atem schneller.
- In
Überlingen werden die Eisdielen gestürmt. Das Eis ist am Bodensee fast
immer italienisch, so wenigstens heisst es, na ja.
- Viele
Holzhäuser und Riegel-bauten gibt es in den Dörfern und Städtchen rund um
den Bodensee. Auf der deutschen Seite heissen sie Häusle und auf der Schweizer
Seite Hüsli.
- Die
Deutschen essen am Morgen Müsli (also kleine Mäuse), die Schweizer Müesli
(also Mus).
- Die Klasse
versteht sich gut, sie helfen einander und hören aufeinander, Kompliment!
- Am Abend
geht’s in die Stadt, natürlich gehen auch die, die ganz um den See
gefahren sind, die Müdigkeit ist weg, nur die Köpfe sind noch leicht rot,
sagen wir wegen der Sonne.
- Aber vorher
wird noch geduscht und geschminkt und gefönt, man weiss ja nie, und ob
wohl die schwarze Hose nicht doch besser zum grünen Haarband passt, auf
jeden Fall ist es cooler, obwohl vielleicht, wer weiss, mit einer andern
Frisur kommen die Ohrringe besser zur Geltung, ganz klar, aber
andererseits, ich weiss nicht, und welche Halskette passt denn heute
besser zum Gemüt und welcher Lidschatten?
DRITTER TAG:
Konstanz – Arenenberg –
Stein am Rhein
- Starker Wind
schon in der Nacht, das bedeutet nichts Gutes, am Morgen Regen, schon vor
dem Frühstück, na dann gut Nacht!
- Die Räder
werden verladen, aber sie sperren sich und wollen partout nicht mehr in
ihr dunkles Verliess. Dort bleiben sie bis Donnerstagmorgen.
- Unter Wasser
ist alles ein bisschen anders, wie man im Sea-life sieht. Bei einer Fischart werden alle als Männchen
geboren, später wechseln einige das Geschlecht, bei einere andern alle als
Weibchen geboren, nach sieben Jahren wird eins zum Männchen, bei einer
dritten sind es die Männchen, die gebären, bei einer vierten schauen die
Männchen zur Brut, und das Weibchen kommt nur schnell vorbei und laicht,
bei einer fünften trägt das Männchen die Brut im Maul, manche sterben
daran. Man sieht, unter Wasser geht’s auch anders.
- Nach dem Sea-life gehen einige in die NORDSEE
- und essen
frischen Fisch, die Lehrerschaft verputzt drei Sorten Kuchen.
- Die Fahnen
für den Frieden hängen auch in den Deutschschweizer Fenstern,
interessanterweise steht PACE drauf, nicht FRIEDEN, auch viele Schweizer
Fahnen gibt es.
- Seit dem
Besuch des Napoleon-Museums wissen wir, schon Napoleon III spielte als
Kind mit IKEA-Spielzeug. Dann hatte er noch ein Pferdchen mit Wagen, so
lernte er die Peitsche schwingen. Das sollte ihm nützen als Kaiser von Frankreich.
- Tagsüber
liegen die meisten quer in den Sitzen, das hat wohl mit der vergangenen
Nacht und dem Besuch des Lunapark zu tun, abends erwachen sie dann beim
Bowling.
- Die
Jugendherberge in Stein am Rhein ist ein bisschen enger, sie hat auch
keinen Turm, dafür ist sie ein wenig teurer.
- Was macht
man abends in Stein am Rhein? Man geht bowlen, das heisst kegeln. Einige
schieben die Kugel mit grosser Wucht, andere stossen sie sachte an, sie
wollen der Kugel nicht weh tun und schon gar nicht den Kegeln. Die dritten
begleiten die Kugeln mit flehenden Gesten, die vierten feuern sie an, die
fünften renken sich fast die Arme aus, die sechsten schieben die Kugel und
schauen gar nicht mehr hin, die siebten treffen alle Neune und wissen
nicht wie.
- Bei Gianni
lernt man, wie man Stein am Rhein ausspricht, nämlich: Stammamram.
- Bei der
Rückkehr in die Herberge ist kein Ton zu hören, reife Leistung!
VIERTER TAG:
Stein am Rhein –
Diessenhofen – Rheinfall – Schaffhausen
- Unterdessen
sind die ersten Handys erschöpft und einige CD-Player geben den Geist auf.
- Für A war die Butter beim Frühstück zu
butterig
- B kann Nutella ohne Butter
nicht essen
- C verbessert das Müesli
mit Konfitüre
- D verputz soviel Brot
wie möglich
- E fühlt sich mit Salami
schon fast wie zu Hause
- F seziert zuerst den Käse
und analysiert dann die Marmelade
- G trinkt erst mal ein
Glas Milch in grossen Schlucken
- H zelebriert Tee
- I ist so früh am Morgen
noch für nichts zu gebrauchen
- K muss die vergangene
Nacht nochmals lautstark erzählen
- L geht das alles nichts
an
- M geht beim Essen ganz
systematisch vor
- Bei O herrscht Chaos auf dem Teller
- P lässt sich gar nicht
erst blicken
- Q ist alles egal, solange
er nicht raus muss, ins kalte Wetter
- R fragt dreimal, was
machen wir heute
- S interessiert das nicht
- T hingegen schon
- Die Räder
werden montiert und Wollhandschuhe. Und wollene Mützen auch.
Aussentemperatur 5 Grad, ohne Wind. Der aber ist stark. Schicht über
Schicht wird angezogen, Jacke über Jacke und Pullover über Pullover, das
nennt man das Zwiebelprinzip.
- Dann geht’s
ab, dem Regen entgegen, zwischen Feldern und Wäldern. Schliesslich werden
wir vom Regen verschont, obwohl er schnell noch mit ein paar Schneeflocken
droht.
- Die Dörfer
tragen Namen wie Kaltenbach (was passt) und Feuerthalen (davon hat man
wenig gespürt). In Alt-Paradies macht man Halt.
- Die
häufigste Frage auf dem Weg zum Rheinfall war, ma c’è ancora una salita? Spero di no!
- Der
Rheinfall war kein Reinfall. Er hielt sein Versprechen und stürzte über
die Felsen zum Vergnügen der Zuschauer.
- In
Schaffhausen wurden die letzen Einkäufe getätigt und durch die Gassen
gestreift, während die Lehrerschaft schon wieder, che noia, ein Museum
aufsucht.
- Die Kälte
forderte Blasenopfer schon beim Radfahren, und auch auf der Achsenstrasse
kommt es zu einem Notfallstopp.
- In Savosa
warten wie immer die lieben Eltern und spielen Chauffeur.